Heißhunger stoppen: Ursachen und was laut Studien wirklich hilft

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Heißhunger stoppen: Ursachen und was laut Studien hilft

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach zwei Nächten mit zu wenig Schlaf stieg in einer Studie der Appetit auf kalorienreiche, kohlenhydratreiche Lebensmittel um 33 bis 45 Prozent, das Hungerhormon Ghrelin um 28 Prozent.
  • Strenge Verbote einzelner Lebensmittel verstärken Heißhunger bei Menschen, die ständig Diät halten; ein moderates Kaloriendefizit über mindestens zwölf Wochen schwächte ihn in einer Metaanalyse von acht Studien dagegen ab.
  • 15 Minuten zügiges Gehen senkten in zwei Studien das Verlangen nach Schokolade und süßen Snacks, drei Minuten Tetris die Stärke des Verlangens im Alltag um 13,9 Prozentpunkte.
  • Heißhunger auf Schokolade ist kein Zeichen für Magnesiummangel: Kapseln mit den Wirkstoffen des Kakaos stillten das Verlangen so wenig wie ein Placebo, und Fruchtgummi enthält gar kein Magnesium.
  • Die innere Uhr lässt den Hunger unabhängig vom Essen zum Abend hin ansteigen, mit dem Höhepunkt gegen 20 Uhr.

Heißhunger stoppst du am zuverlässigsten, bevor er entsteht: mit genug Schlaf, regelmäßigen Mahlzeiten mit Eiweiß und ohne strenge Verbote einzelner Lebensmittel. Schon zwei Nächte mit zu wenig Schlaf steigerten in einer Studie den Appetit auf kalorienreiche, kohlenhydratreiche Lebensmittel um 33 bis 45 Prozent. Ist die Lust auf Süßes akut da, helfen 15 Minuten zügiges Gehen oder ein paar Minuten Ablenkung, und eine Portion Schokolade ist ausdrücklich erlaubt.

Ein Magnesiummangel steckt dagegen so gut wie nie dahinter. Unten erklären wir, woher Heißhunger kommt, warum er abends am stärksten ist, welche Strategien laut Studien wirken und wann aus Heißhunger ein Fall für professionelle Hilfe wird. Wie du insgesamt gesund abnimmst, steht in unserem Ratgeber Abnehmen: Was wirklich hilft.

Hunger oder Heißhunger: der Unterschied

Hunger baut sich langsam auf, meist einige Stunden nach der letzten Mahlzeit. Er ist unspezifisch: Ein Käsebrot wäre genauso recht wie eine Portion Nudeln, und nach dem Essen ist er weg. Heißhunger, in der Forschung „Food Craving“ genannt, kommt plötzlich, zielt auf ein bestimmtes Lebensmittel und lässt sich mit einem Apfel nicht abspeisen. Fast immer geht es um Schokolade, Gebäck, Chips oder Fast Food, also um Lebensmittel mit viel Zucker, Fett oder beidem.

Das erklärt auch, warum ein Teil des Problems im Kopf sitzt. Heißhunger ist weniger ein Signal „Mir fehlt Energie“ als „Ich will jetzt genau das“. Belohnungszentren im Gehirn, Gewohnheiten, Stimmung und Müdigkeit mischen kräftig mit. Für dich ist das eine gute Nachricht, denn an genau diesen Stellen kannst du ansetzen.

Kurz erklärt: Ein einfacher Test hilft beim Unterscheiden. Würdest du jetzt auch einen Teller Gemüse mit Kartoffeln essen? Dann ist es Hunger, und eine richtige Mahlzeit ist die beste Antwort. Willst du nur die Schokolade, ist es Heißhunger.

Heißhunger: die häufigsten Ursachen

Schlafmangel

Kaum ein Auslöser ist so gut untersucht. In einer Studie der University of Chicago schliefen zwölf junge, gesunde Männer zwei Nächte lang stark verkürzt und zwei Nächte ausgiebig, bei exakt gleicher Kalorienzufuhr. Nach den kurzen Nächten lag das Sättigungshormon Leptin um 18 Prozent niedriger, das Hungerhormon Ghrelin um 28 Prozent höher. Die Männer hatten 24 Prozent mehr Hunger, und ihr Appetit auf kalorienreiche Lebensmittel mit viel Kohlenhydraten, also Süßes, Brot und Knabberzeug, stieg um 33 bis 45 Prozent (Spiegel et al. 2004).

Was dabei im Kopf passiert, hat ein Team um den Schlafforscher Matthew Walker im Hirnscanner gezeigt. Nach einer durchwachten Nacht waren bei 23 Erwachsenen die Hirnregionen im Stirnhirn, die Essen nüchtern bewerten, deutlich weniger aktiv, die Amygdala als Teil des emotionalen Belohnungssystems dagegen stärker. Die Teilnehmenden wollten vor allem die kalorienreichen Lebensmittel haben, in der Summe im Schnitt rund 600 kcal mehr als ausgeschlafen (Greer et al. 2013). Eine weitere Studie fand nach vier Nächten mit 4,5 statt 8,5 Stunden Schlaf am Nachmittag erhöhte Werte körpereigener Cannabinoide. Das sind Botenstoffe, deren Andockstellen auch Cannabis anspricht, daher der bekannte Fressflash. Die Teilnehmenden konnten Snacks schlechter widerstehen (Hanlon et al. 2016).

Umgekehrt funktioniert es auch: Als 80 junge Erwachsene mit Übergewicht ihre Schlafzeit um durchschnittlich 1,2 Stunden verlängerten, aßen sie ohne jede Diätvorgabe 270 kcal am Tag weniger (Tasali et al. 2022). Wer nachts regelmäßig unter sieben Stunden bleibt, sollte deshalb beim Schlaf anfangen, bevor er an der Ernährung schraubt. Tipps dazu stehen in unseren Artikeln Besser schlafen und Schnell einschlafen.

Zu strenge Verbote

„Ab heute keine Schokolade mehr“ ist der Klassiker, der nach hinten losgeht. In einem kanadischen Versuch verzichteten 103 Studentinnen eine Woche lang entweder auf Schokolade, auf Vanille oder auf nichts. Danach durften sie Schokoladenprodukte probieren. Frauen, die ohnehin ständig Diät hielten, aßen nach der Schokoladen-Pause mehr Schokolade als alle anderen Gruppen und hatten häufiger Heißhunger (Polivy et al. 2005).

Interessant ist der Gegenbefund: Ein moderates Kaloriendefizit über Monate macht Heißhunger offenbar nicht schlimmer, sondern schwächer. Eine Metaanalyse von acht Studien mit Menschen mit Adipositas, die mindestens zwölf Wochen weniger aßen, fand danach weniger Heißhunger insgesamt und vor allem weniger Lust auf Süßes, Fettiges und Fast Food (Kahathuduwa et al. 2017). Die Autoren erklären das mit einer Art Entwöhnung: Wer ein Lebensmittel seltener isst, verknüpft es mit der Zeit weniger stark mit Belohnung.

Beides passt zusammen. Hungern und Verbote, die du innerlich nicht mitträgst, verstärken das Verlangen. Ein vernünftiges Defizit mit festen Mahlzeiten und kleinen, eingeplanten Mengen Süßem schwächt es ab.

Stress und Gefühle

Viele kennen es: Nach einem miesen Tag landet die Hand in der Chipstüte. In einer Laborstudie mit 59 Frauen aßen diejenigen, die auf eine Stresssituation mit besonders viel Cortisol reagierten, anschließend mehr als die übrigen und griffen vor allem zu Süßem. An einem entspannten Kontrolltag aßen beide Gruppen gleich viel (Epel et al. 2001). Auch eine gedrückte Stimmung nach dem Stress hing mit mehr Essen zusammen.

Essen beruhigt kurzfristig tatsächlich, deshalb ist das Muster so hartnäckig. Langfristig hilft es, andere Wege zur Entspannung zu haben, etwa Bewegung, ein Gespräch oder eine kurze Pause an der frischen Luft. Was gegen Dauerstress wirkt, haben wir im Artikel Cortisol senken zusammengetragen.

Gewohnheit und Reize

Der Heißhunger auf Popcorn im Kino, auf Kuchen am Sonntag oder auf Chips beim Serienabend ist zum großen Teil gelernt. Das Gehirn verknüpft Ort, Uhrzeit und Situation mit dem Essen, und irgendwann reicht der Reiz allein. Dazu kommt alles, was du siehst oder riechst: die Schale Süßigkeiten im Büro, die Bäckerei auf dem Heimweg, die Werbung im Fernsehen.

Diese Art von Heißhunger lässt sich gut verlernen, braucht aber ein paar Wochen. Je seltener die Verknüpfung „Sofa plus Fernseher gleich Schokolade“ bestätigt wird, desto schwächer wird sie.

Lange Pausen und schnelle Kohlenhydrate

Wer morgens nichts isst, mittags ein Brötchen auf die Hand nimmt und um 16 Uhr ausgehungert ist, programmiert den Heißhunger fast vor. Ein Detail dazu liefert eine kleine Studie: Zwölf Männer mit Übergewicht bekamen zwei Mahlzeiten mit gleich vielen Kalorien und Nährstoffen, die sich nur im glykämischen Index unterschieden. Vier Stunden nach der Variante mit schnellen Kohlenhydraten lag ihr Blutzucker niedriger als nach der langsamen (4,7 statt 5,3 mmol/l), sie hatten mehr Hunger, und im Hirnscanner war der Nucleus accumbens aktiver, eine Region, die mit Belohnung und Verlangen zu tun hat (Lennerz et al. 2013).

Die Studie war klein, und der Effekt sollte nicht überschätzt werden. Sie passt aber zur Alltagserfahrung, dass ein Croissant zum Frühstück schneller wieder Lust auf mehr macht als Haferflocken mit Joghurt. Wie du Blutzuckerspitzen vermeidest, steht im Artikel Blutzuckerspitzen vermeiden.

Heißhunger abends: warum er nach 18 Uhr kommt

Abends kommen gleich mehrere Auslöser zusammen. Die innere Uhr ist einer davon: In einem 13-tägigen Laborversuch am Brigham and Women’s Hospital in Boston wurden zwölf Erwachsene so untersucht, dass Mahlzeiten und Schlaf gleichmäßig über alle Tageszeiten der inneren Uhr verteilt waren. Der Hunger war unabhängig vom Essen um 8 Uhr morgens am niedrigsten und um 20 Uhr am höchsten. Auch der Appetit auf Süßes, Salziges und Stärkehaltiges folgte diesem Rhythmus (Scheer et al. 2013).

Dazu kommen die Müdigkeit nach einem langen Tag, die Gewohnheit vor dem Fernseher und bei vielen ein zu kleines Frühstück und Mittagessen. Wer tagsüber eisern spart, um abends „Platz“ zu haben, bekommt die Rechnung um 21 Uhr. Etwas Abendhunger ist also normal und kein Zeichen mangelnder Disziplin. Wenn er dich regelmäßig überrollt, verschiebe mehr Kalorien und Eiweiß in die erste Tageshälfte und plane ein festes, sättigendes Abendessen ein, statt den Abend mit Snacks zu füllen.

Tipp: Iss zum Frühstück und Mittagessen jeweils 25 bis 30 g Eiweiß, zum Beispiel 250 g Magerquark (30 g) oder 2 Eier mit einer Scheibe Vollkornbrot und 100 g körnigem Frischkäse. Diese Menge pro Mahlzeit empfehlen Fachleute, damit du satt wirst und im Defizit keine Muskeln verlierst.

Was gegen Heißhunger hilft: Strategien nach Studienlage

Nicht jeder Tipp aus dem Internet hält einer Prüfung stand. Wir haben die gängigen Strategien danach sortiert, wie gut sie belegt sind:

StrategieWas Studien zeigenBeleglage
Mehr schlafen1,2 Stunden mehr Schlaf: 270 kcal weniger pro Tag; nach kurzen Nächten 33 bis 45 % mehr Appetit auf kalorienreiche Kohlenhydrategut, mehrere kontrollierte Studien
Moderates Defizit statt Verbotenach mindestens 12 Wochen Kalorienreduktion weniger Heißhunger, vor allem auf Süßes; Verbote einzelner Lebensmittel verstärken ihn bei Dauer-Diäthaltendengut (Metaanalyse) bis mittel
Regelmäßig essen, eiweißreiches FrühstückFrühstück senkte bei Frühstücksmuffeln das Verlangen nach Süßem und Herzhaftem, mit 35 g Eiweiß tendenziell stärkermittel, kleine Studien
15 Minuten zügig gehenweniger Verlangen nach Schokolade und süßen Snacks, auch bei Übergewicht und unter Stressmittel, kleine Laborstudien
Ablenkung, z. B. Tetris spielen3 Minuten Tetris senkten die Stärke des Verlangens im Alltag um 13,9 Prozentpunktemittel, eine Feldstudie
Langsame statt schnelle Kohlenhydrate4 Stunden nach schnellen Kohlenhydraten mehr Hunger und mehr Aktivität im Belohnungszentrumschwach bis mittel, eine kleine Studie
Ein Glas Wasser500 ml vor dem Frühstück: 13 % weniger Kalorien bei der Mahlzeit; auf Heißhunger nicht direkt untersuchtschwach
Magnesium einnehmenkeine Studie zeigt eine Wirkung gegen Heißhungerkein Beleg
Quellen: Spiegel K et al. (2004), Tasali E et al. (2022), Kahathuduwa CN et al. (2017), Polivy J et al. (2005), Hoertel HA et al. (2014), Taylor AH und Oliver AJ (2009), Ledochowski L et al. (2015), Skorka-Brown J et al. (2015), Lennerz BS et al. (2013), Davy BM et al. (2008), Michener W und Rozin P (1994).

1. Schlaf zuerst

Der Schlaf steht ganz oben, weil er gleich mehrere Mechanismen auf einmal beeinflusst: Hormone, Belohnungssystem und Selbstkontrolle. Sieben bis acht Stunden sind für die meisten Erwachsenen ein gutes Ziel. Wenn du wissen willst, wann du dafür ins Bett gehen solltest, hilft der Schlafrechner.

2. Feste Mahlzeiten mit Eiweiß und Ballaststoffen

Drei Mahlzeiten, die wirklich satt machen, sind der beste Schutz vor dem Nachmittags- und Abendtief. In einer kleinen Studie mit 20 jungen Frauen um die 19 Jahre mit Übergewicht, die normalerweise nicht frühstückten, senkte schon ein Frühstück mit 350 kcal das Verlangen nach süßen und herzhaften Snacks. Mit 35 g statt 13 g Eiweiß war der Effekt beim Herzhaften tendenziell größer (Hoertel et al. 2014). Welche Lebensmittel besonders lange satt machen, steht in unserem Artikel Sättigende Lebensmittel.

3. Süßes einplanen statt verbieten

Klingt paradox, funktioniert aber besser als jedes Verbot. Leg dir eine feste Menge fest, etwa 20 g Bitterschokolade nach dem Abendessen. Das sind laut Bundeslebensmittelschlüssel 113 kcal und passen in jedes vernünftige Kaloriendefizit. Wer weiß, dass er morgen wieder Schokolade isst, muss heute nicht die ganze Tafel retten. Wie viel Zucker am Tag in Ordnung ist, erklären wir im Artikel Zucker pro Tag.

4. Bewegen, wenn der Heißhunger kommt

Ein kurzer Spaziergang ist eine der am besten untersuchten Soforthilfen. In einer Studie aus Exeter verzichteten 25 regelmäßige Schokoladenesser drei Tage auf Schokolade. Nach 15 Minuten zügigem Gehen war ihr Verlangen danach geringer als nach 15 Minuten Sitzen, und es stieg auch beim Auswickeln einer Tafel und unter Stress weniger stark an (Taylor und Oliver 2009). Ein Team aus Innsbruck wiederholte das mit 47 Menschen mit Übergewicht und süßen Snacks und kam zum selben Ergebnis (Ledochowski et al. 2015).

Tipp: Gib dem Heißhunger eine Viertelstunde. Geh 15 Minuten zügig um den Block, ruf jemanden an oder räum etwas auf. In Studien ließ das Verlangen danach messbar nach. Willst du die Schokolade danach immer noch, iss eine bewusste Portion, ohne schlechtes Gewissen.

5. Den Kopf beschäftigen

Heißhunger lebt von lebhaften Bildern im Kopf: Du siehst die Schokolade förmlich vor dir. Wer das Arbeitsgedächtnis mit etwas anderem Visuellem füllt, schwächt diese Bilder. In einer Alltagsstudie aus Plymouth meldeten 31 Studierende eine Woche lang per Handy, wie stark ihr Verlangen gerade war. Wer danach drei Minuten Tetris spielte, hatte im Schnitt ein um 13,9 Prozentpunkte schwächeres Verlangen, egal ob es um Essen, Kaffee oder Zigaretten ging (Skorka-Brown et al. 2015). Ein Puzzle, ein Sudoku oder ein paar Minuten Zeichnen dürften ähnlich wirken.

6. Die Umgebung umbauen

Was nicht im Haus ist, kannst du um 22 Uhr nicht essen. Das ist banal und trotzdem eine der wirksamsten Maßnahmen. Kauf Süßigkeiten in kleinen Packungen, bewahr sie außer Sichtweite auf und stell stattdessen Obst oder Nüsse auf den Tisch. Wenn der Heißhunger an eine Situation gebunden ist, ändere die Situation: anderer Heimweg ohne Bäckerei, Tee statt Snack beim Serienabend, Zähneputzen direkt nach dem Abendessen als Signal „Küche ist zu“.

7. Wenn schon, dann sättigend

Manchmal hilft es, den Heißhunger mit etwas zu bedienen, das ähnlich schmeckt, aber satt macht. Die Ersparnis ist oft beachtlich:

Statt …kcallieber …kcal
100 g Vollmilchschokolade (1 Tafel)55520 g Bitterschokolade113
100 g Fruchtgummi312150 g Skyr mit 125 g Himbeeren150
50 g Kartoffelchips26320 g Popcorn, ungesüßt68
1 Croissant (60 g)2561 Apfel (150 g) mit 10 g Mandeln141
Quelle: eigene Berechnung aus Max Rubner-Institut (2025): Bundeslebensmittelschlüssel (BLS) 4.0, CC BY 4.0. Gerundet.

Skyr mit Beeren bringt dazu 17 g Eiweiß und gut 6 g Ballaststoffe, der Apfel mit Mandeln rund 4 g Ballaststoffe. Mehr Ideen findest du in unserer Liste kalorienarmer Lebensmittel. Süßstoff-Getränke können beim Umstieg helfen, warum die WHO sie trotzdem nicht zum Abnehmen empfiehlt, steht im Vergleich der Süßungsmittel.

Heißhunger und Magnesiummangel: ein Mythos

„Heißhunger auf Schokolade? Dir fehlt Magnesium!“ Der Satz steht in unzähligen Ratgebern. Er klingt plausibel, weil Kakao tatsächlich viel Magnesium enthält. Aber er hält dem Blick auf die Daten nicht stand.

Erstens: Wäre Magnesiummangel der Grund, müsste der Körper nach den besten Quellen verlangen. Niemand bekommt Heißhunger auf Kürbiskerne. Begehrt sind Milchschokolade und Fruchtgummi, und die liefern kaum oder gar kein Magnesium:

LebensmittelPortionMagnesiumkcal
Kürbiskerne30 g85 mg176
Haferflocken50 g61 mg174
Bitterschokolade20 g40 mg113
Banane1 Stück (120 g)34 mg95
Vollmilchschokolade100 g (1 Tafel)53 mg555
Fruchtgummi100 g0 mg312
Quelle: eigene Berechnung aus Max Rubner-Institut (2025): Bundeslebensmittelschlüssel (BLS) 4.0, CC BY 4.0. Gerundet.

Zweitens gibt es ein schönes Experiment dazu. Forschende der University of Pennsylvania gaben Menschen mit Schokoladen-Heißhunger im Moment des Verlangens entweder echte Milchschokolade, weiße Schokolade (gleich viele Kalorien, aber ohne die Kakaobestandteile), Kapseln mit genau den Kakaobestandteilen, ein Placebo oder nichts. Nur die echte Schokolade stillte das Verlangen, weiße Schokolade teilweise. Die Kapseln mit den pharmakologisch wirksamen Kakaobestandteilen wirkten so wenig wie ein Placebo (Michener und Rozin 1994). Gesucht wird also Geschmack, Duft und Schmelz, nicht ein Nährstoff.

Merke: Heißhunger auf Süßes ist kein Beleg für einen Magnesiummangel, und Magnesiumtabletten helfen in keiner Studie dagegen. Die DGE schätzt den Bedarf auf 300 mg (Frauen) bzw. 350 mg (Männer) am Tag. Eine kleine Lücke schließt du am einfachsten mit Vollkorn, Nüssen, Hülsenfrüchten und Gemüse.

Wer trotzdem Magnesium einnehmen möchte, sollte laut Bundesinstitut für Risikobewertung nicht mehr als 250 mg am Tag aus Nahrungsergänzungsmitteln nehmen, weil höhere Mengen Durchfall auslösen können. Welche Verbindung sinnvoll ist, erklären wir im Artikel Magnesium.

Wann Heißhunger ein Warnsignal ist

Gelegentlicher Heißhunger ist normal. Bei zwei Situationen solltest du genauer hinschauen.

Die erste sind körperliche Ursachen. Wenn ein starker, neuer Hunger zusammen mit großem Durst, häufigem Wasserlassen, ungewolltem Gewichtsverlust, Zittern, Schwitzen oder Herzrasen auftritt, lass das ärztlich abklären. Dahinter kann zum Beispiel ein Diabetes oder eine Schilddrüsenüberfunktion stecken. Wer Insulin oder bestimmte Diabetes-Tabletten nimmt, kann bei Heißhunger mit Zittern und Schweiß auch unterzuckert sein. Manche Medikamente, etwa Kortison, steigern ebenfalls den Appetit.

Die zweite ist eine Essstörung. Bei der Binge-Eating-Störung essen Betroffene laut dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit in kurzer Zeit deutlich mehr als die meisten Menschen in vergleichbarer Situation, unabhängig vom Hunger, und verlieren dabei die Kontrolle. Sie essen oft hastig, bis ein unangenehmes Völlegefühl einsetzt, häufig allein und heimlich, und fühlen sich danach beschämt, schuldig oder niedergeschlagen. Anders als bei der Bulimie versuchen Betroffene meist nicht, das Gegessene durch Erbrechen oder Fasten auszugleichen. Die Störung betrifft Frauen und Männer und kommt auch bei Normalgewicht vor.

Achtung: Wenn du dich in der Beschreibung wiedererkennst, ist das kein Disziplinproblem, sondern eine behandelbare Erkrankung. In Deutschland berät das Infotelefon Essstörungen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit anonym unter 0221 892031, in Österreich die Hotline für Essstörungen unter 0800 20 11 20 (kostenlos). Auch die hausärztliche Praxis ist ein guter erster Schritt.

Gerade für Menschen mit Essattacken sind strenge Diäten, Kalorienzählen bis aufs Gramm und Verbotslisten keine gute Idee, weil sie den Kreislauf aus Verzicht und Kontrollverlust verstärken können. Hier gehört die Behandlung in professionelle Hände, meist mit Psychotherapie.

Heißhunger und Abnehmspritze

Die Wirkstoffe von Abnehmspritzen wie Wegovy und Mounjaro ahmen Darmhormone nach, die satt machen und im Gehirn den Appetit dämpfen. Sie sind aber verschreibungspflichtige Arzneimittel für Menschen mit Adipositas, kein Mittel gegen gelegentlichen Heißhunger. Was sie leisten, was sie kosten und welche Nebenwirkungen sie haben, steht in unserem Ratgeber Abnehmspritze: Wegovy, Mounjaro und Co.

So fängst du an

  1. Schreib eine Woche lang auf, wann der Heißhunger kommt, worauf, und wie du geschlafen hast. Meist zeigt sich schnell ein Muster.
  2. Wenn du unter sieben Stunden schläfst, geh an fünf Abenden pro Woche 30 bis 60 Minuten früher ins Bett.
  3. Iss drei feste Mahlzeiten mit je 25 bis 30 g Eiweiß und Gemüse oder Vollkorn, und lass das Frühstück nicht ausfallen, wenn der Heißhunger nachmittags kommt.
  4. Plane eine kleine Portion Süßes pro Tag fest ein, statt sie zu verbieten.
  5. Leg dir einen Notfallplan für den akuten Moment zurecht: 15 Minuten gehen, ein paar Minuten ein Handyspiel oder Rätsel, ein großes Glas Wasser oder Tee, und erst danach entscheiden.
  6. Räum Süßigkeiten aus dem Blickfeld und kauf kleine Packungen.

Nach zwei bis drei Wochen lohnt sich ein Blick zurück auf deine Notizen. Wird es nicht besser oder fühlst du dich beim Essen regelmäßig außer Kontrolle, sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt.

Häufige Fragen

Was tun bei Heißhunger auf Süßes?

Im akuten Moment: 15 Minuten zügig gehen, sich ein paar Minuten ablenken und erst dann entscheiden. Danach ist eine kleine, bewusst gegessene Portion in Ordnung, etwa 20 g Bitterschokolade oder Skyr mit Beeren. Langfristig helfen genug Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten mit Eiweiß und der Verzicht auf strenge Verbote.

Welcher Mangel steckt hinter Heißhunger?

In aller Regel keiner. Für die Idee, dass Heißhunger auf Schokolade einen Magnesiummangel anzeigt, gibt es keinen Beleg: Kapseln mit den Wirkstoffen des Kakaos stillten in einem Experiment das Verlangen nicht, nur echte Schokolade. Häufigere Ursachen sind Schlafmangel, lange Essenspausen, zu strenge Diäten, Stress und Gewohnheit.

Warum habe ich abends Heißhunger?

Die innere Uhr steigert den Hunger zum Abend hin, im Laborversuch lag der Höhepunkt um 20 Uhr. Dazu kommen Müdigkeit, Gewohnheiten vor dem Fernseher und oft zu kleine Mahlzeiten am Tag. Ein eiweißreiches Frühstück und Mittagessen und ein festes, sättigendes Abendessen helfen am meisten.

Kann Schlafmangel Heißhunger auslösen?

Ja, und zwar deutlich. Nach zwei kurzen Nächten stieg in einer Studie der Appetit auf kalorienreiche Kohlenhydrate um 33 bis 45 Prozent, das Hungerhormon Ghrelin um 28 Prozent. Nach einer durchwachten Nacht wollten Versuchspersonen im Schnitt rund 600 kcal mehr an Essen haben.

Hilft Wasser trinken gegen Heißhunger?

Ein bisschen vielleicht, aber es ist kein Wundermittel. 500 ml Wasser vor dem Frühstück senkten in einer Studie mit älteren Erwachsenen mit Übergewicht die Kalorien der Mahlzeit um 13 Prozent. Direkt gegen Heißhunger wurde Wasser kaum untersucht. Als Teil des Notfallplans schadet ein großes Glas aber nicht.

Wann ist Heißhunger eine Essstörung?

Wenn du regelmäßig in kurzer Zeit sehr große Mengen isst, dabei die Kontrolle verlierst, oft heimlich isst und dich danach schämst oder schuldig fühlst. Das kann eine Binge-Eating-Störung sein. Anonyme Beratung gibt es in Deutschland unter 0221 892031, in Österreich unter 0800 20 11 20.

Wir recherchieren jeden Artikel sorgfältig und belegen ihn mit Quellen. Er ersetzt aber keine persönliche Beratung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine Diätologin. Bei Beschwerden, Vorerkrankungen, in der Schwangerschaft oder wenn du Medikamente nimmst, sprich bitte vorher mit deiner Praxis. Mehr dazu: So arbeiten wir.

Quellen

  1. Spiegel K et al. (2004): Sleep curtailment in healthy young men is associated with decreased leptin levels, elevated ghrelin levels, and increased hunger and appetite. Ann Intern Med
  2. Greer SM, Goldstein AN, Walker MP (2013): The impact of sleep deprivation on food desire in the human brain. Nat Commun
  3. Kahathuduwa CN et al. (2017): Extended calorie restriction suppresses overall and specific food cravings: a systematic review and a meta-analysis. Obes Rev
  4. Polivy J, Coleman J, Herman CP (2005): The effect of deprivation on food cravings and eating behavior in restrained and unrestrained eaters. Int J Eat Disord
  5. Scheer FA, Morris CJ, Shea SA (2013): The internal circadian clock increases hunger and appetite in the evening independent of food intake and other behaviors. Obesity
  6. Ledochowski L et al. (2015): Acute effects of brisk walking on sugary snack cravings in overweight people. PLoS One
  7. Michener W, Rozin P (1994): Pharmacological versus sensory factors in the satiation of chocolate craving. Physiol Behav
  8. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG): Essstörungen – Binge-Eating-Störung und Infotelefon

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