Kalorien zählen: Lohnt sich das? Wie genau Apps und Etiketten sind und wie du richtig anfängst

Veröffentlicht am · 13 Min. Lesezeit

Kalorien zählen: Lohnt sich das? Apps, Etiketten und wie du anfängst

Das Wichtigste in Kürze

  • Zwei bis vier Wochen genaues Zählen mit Küchenwaage reichen den meisten, um zu sehen, wo die 300 bis 500 kcal für ein Defizit stecken.
  • Nach dem EU-Leitfaden für die Lebensmittelüberwachung darf der Fettgehalt auf dem Etikett bei 10 bis 40 g pro 100 g um 20 Prozent abweichen.
  • In einer NEJM-Studie aßen Menschen, die trotz Diät nicht abnahmen, 47 Prozent mehr als notiert und überschätzten ihre Bewegung um 51 Prozent.
  • Keine von sieben getesteten Fitnessuhren schätzte den Kalorienverbrauch genauer als mit 20 Prozent Fehler, Sportkalorien solltest du deshalb nicht zurückessen.
  • Bei Menschen mit Essstörung empfanden 73 Prozent der Nutzer einer Kalorien-App, dass sie ihre Erkrankung verstärkte.

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Kalorien zählen lohnt sich für die meisten, aber als Werkzeug auf Zeit, nicht als Lebensaufgabe. Zwei Wochen lang alles abwiegen und notieren zeigt dir zuverlässig, wo die 300 bis 500 kcal stecken, die dir zum Abnehmen fehlen. Auf die Kalorie genau wird es dabei nie: Nährwertangaben dürfen beim Fettgehalt vieler Lebensmittel um 20 Prozent danebenliegen, und dein errechneter Bedarf hat rund 10 Prozent Spielraum. Für den Trend reicht das völlig.

Hier liest du, was Studien über den Nutzen des Zählens sagen, wo die größten Fehler entstehen, wie du als Anfänger mit Küchenwaage und App startest und welche Alternativen es gibt, wenn dir Zählen keinen Spaß macht. Die Grundlagen zum Kaloriendefizit selbst stehen in unserem Ratgeber Abnehmen: Was wirklich hilft, hier geht es um das Werkzeug.

Warum Kalorien zählen beim Abnehmen hilft

Der Effekt kommt weniger von der Zahl als vom Hinschauen. Wer aufschreibt, was er isst, sieht Muster, die vorher unsichtbar waren: der Cappuccino mit Hafermilch am Nachmittag, die Reste vom Kinderteller, das zweite Glas Wein. Eine systematische Übersichtsarbeit fand in 22 Studien durchgehend einen Zusammenhang zwischen Selbstbeobachtung und Gewichtsverlust. Die Autorinnen bewerten die Beweislage allerdings als schwach, weil die meisten Studien klein waren und vor allem weiße Frauen untersucht haben.

Wie viel Aufwand das ist, hat eine Studie mit 142 Teilnehmenden eines sechsmonatigen Online-Abnehmprogramms gemessen. Im ersten Monat brauchten sie im Schnitt 23 Minuten am Tag fürs Protokoll, im sechsten Monat nur noch knapp 15. Wer am Ende mindestens 10 Prozent abgenommen hatte, saß nicht länger am Protokoll, öffnete es aber öfter: 2,7-mal statt 1,7-mal am Tag. Das spricht dafür, direkt nach dem Essen einzutragen statt abends aus dem Gedächtnis.

Merke: Kalorien zählen ist kein eigenes Abnehmprinzip, sondern eine Messmethode für dein Defizit. Es funktioniert nur so gut wie deine Einträge, und es muss nicht für immer sein.

Wie genau ist Kalorien zählen?

Ungenau, und zwar an vier Stellen gleichzeitig: bei den Nährwertangaben, in der App-Datenbank, bei deinen Portionen und bei deinem Verbrauch. Das klingt entmutigend, ist es aber nicht. Wenn du konsequent auf dieselbe Weise zählst, zeigt dir die Waage nach drei, vier Wochen, ob deine Zahlen im Großen und Ganzen stimmen. Wichtig ist nur zu wissen, welche Fehler groß sind und welche du ignorieren kannst.

Etiketten: erlaubte Abweichungen nach EU-Leitfaden

Die Nährwerttabelle auf der Packung ist ein Durchschnittswert. Hersteller dürfen ihn per Laboranalyse ermitteln, aus den Zutaten berechnen oder aus allgemein anerkannten Daten übernehmen. Wie weit der echte Gehalt davon abweichen darf, regelt ein Leitfaden der EU-Kommission für die Lebensmittelüberwachung. Für die Energie selbst steht dort keine eigene Toleranz, sie ergibt sich aus Fett, Kohlenhydraten und Eiweiß.

NährstoffGehalt pro 100 gErlaubte AbweichungWas das bedeutet
Fettunter 10 g± 1,5 gJoghurt mit 3,5 g Fett: 2 bis 5 g
Fett10 bis 40 g± 20 %Käse mit 30 g Fett: 24 bis 36 g, also rund ± 54 kcal
Fettüber 40 g± 8 gErdnussbutter mit 50 g Fett: 42 bis 58 g
Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß, Ballaststoffeunter 10 g± 2 gQuark mit 4 g Kohlenhydraten: 2 bis 6 g
Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß, Ballaststoffe10 bis 40 g± 20 %Proteinriegel mit 30 g Eiweiß: 24 bis 36 g
Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß, Ballaststoffeüber 40 g± 8 gHaferflocken mit 53 g Kohlenhydraten: 45 bis 61 g
Quelle: Europäische Kommission (2012): Guidance document for competent authorities for the control of compliance with EU legislation with regard to the setting of tolerances for nutrient values declared on a label, Tabelle 1 (Toleranzen inklusive Messunsicherheit); Beispiele von uns berechnet

Für die Praxis heißt das: Bei fettreichen Lebensmitteln kann die echte Kalorienzahl spürbar abweichen, bei Obst, Gemüse oder Magerquark spielt es kaum eine Rolle. Der Leitfaden verlangt außerdem, dass Hersteller den Mittelwert angeben und nicht absichtlich an den Rand der Toleranz gehen. Systematisches Schönrechnen ist also nicht erlaubt, Schwankungen von Charge zu Charge schon.

Wie groß die Lücke werden kann, zeigt eine Messung aus den USA. Dort hatten 29 kalorienreduzierte Gerichte aus Restaurants im Labor im Schnitt 18 Prozent mehr Kalorien als angegeben, 10 Fertiggerichte aus dem Supermarkt 8 Prozent mehr. Einzelne Restaurantgerichte kamen auf das Doppelte. Das ist kein deutscher Supermarkt, aber ein guter Grund, beim Essen außer Haus großzügiger zu schätzen.

In die andere Richtung irren die Angaben bei Nüssen. In streng kontrollierten Fütterungsversuchen des US-Landwirtschaftsministeriums nahm der Körper aus 28 g Walnüssen nur 146 statt der rechnerischen 185 kcal auf, bei Mandeln 129 statt 168 bis 170 kcal. Ein Teil der Energie bleibt in den Zellwänden eingeschlossen und wird ausgeschieden. Mehr dazu steht in unserem Artikel Wie gesund sind Nüsse?

Apps und Datenbanken

Die Datenbank einer App ist so gut wie ihre Einträge. Viele große Apps lassen Nutzer selbst Lebensmittel anlegen, dadurch gibt es zu jedem Produkt fünf Varianten, von denen zwei falsch sind. Eine belgische Validierungsstudie hat das für MyFitnessPal geprüft: 50 Teilnehmende führten zweimal vier Tage lang Protokoll, die Ergebnisse wurden mit der nationalen Nährwertdatenbank verglichen. Nach dem Aussortieren offensichtlicher Ausreißer, das waren 2,8 Prozent der Einträge, stimmten Energie und Makronährstoffe gut überein, bei der Energie mit einer Korrelation von 0,96. Für Natrium und Cholesterin taugte die App dagegen wenig.

Zwei Dinge folgen daraus. Erstens: Prüf bei Lebensmitteln, die du oft isst, einmal den Eintrag gegen die Packung oder eine verlässliche Datenbank wie den Bundeslebensmittelschlüssel, den etwa naehrwertrechner.de nutzt. Zweitens: Ein einzelner absurder Eintrag, etwa 80 kcal für 100 g Erdnussbutter, verfälscht deine Woche stärker als alle Etikettentoleranzen zusammen.

Der größte Fehler sitzt vor dem Teller

Die meisten Kalorien gehen nicht in der Datenbank verloren, sondern beim Schätzen. Die bekannteste Studie dazu erschien 1992 im New England Journal of Medicine. Zehn Menschen mit Adipositas, die nach eigenen Angaben trotz weniger als 1.200 kcal am Tag nicht abnahmen, wurden zwei Wochen lang genau untersucht. Ihr Stoffwechsel war völlig normal, er lag innerhalb von 5 Prozent des erwarteten Werts. Sie aßen aber im Schnitt 47 Prozent mehr, als sie notierten, und überschätzten ihre Bewegung um 51 Prozent.

Das ist kein Vorwurf. Niemand schätzt gern nach oben, und viele Kalorien sind schlicht unsichtbar: das Öl in der Pfanne, die Butter auf dem Brot, der Löffel Nussmus direkt aus dem Glas. Wie schnell sich kleine Abweichungen summieren, zeigt diese Rechnung:

LebensmittelAbgewogenkcalGroßzügig nach AugenmaßkcalUnterschied
Olivenöl1 EL (10 g)90ein Schuss aus der Flasche (25 g)225+135
Nudeln, roh80 g277125 g432+155
Reis, roh70 g246110 g386+140
Erdnussbutter1 gestrichener EL (15 g)911 gehäufter EL (30 g)182+91
Gouda, 48 % Fett i. Tr.30 g11460 g227+113
Walnüsse30 g21650 g360+144
Knuspermüsli50 g21090 g379+169
Quelle: Max Rubner-Institut, Bundeslebensmittelschlüssel (BLS) 4.0, Werte pro 100 g auf Portionen umgerechnet und gerundet. Die Augenmaß-Portionen sind ein Rechenbeispiel, keine Messwerte.

Wer drei dieser Posten am Tag großzügig schätzt, liegt schnell 400 kcal über seinem Protokoll. Das ist ziemlich genau das Defizit, mit dem man ein halbes Kilo pro Woche abnimmt. Deshalb lohnt sich die Küchenwaage am Anfang mehr als jede App-Funktion.

Auf der anderen Seite: dein Verbrauch

Auch das Ziel, gegen das du zählst, ist geschätzt. Der Kalorienbedarf-Rechner nutzt die Formel von Mifflin-St Jeor, die bei den meisten Menschen auf 10 Prozent genau ist. Bei 2.000 kcal kann dein echter Bedarf also zwischen 1.800 und 2.200 liegen. Noch unsicherer sind Fitnessuhren. In einer Stanford-Studie mit sieben Geräten am Handgelenk lag keines beim Kalorienverbrauch unter 20 Prozent Fehler, die Herzfrequenz maßen die meisten dagegen gut.

Tipp: Rechne die Kalorien, die deine Uhr fürs Training anzeigt, nicht zu deinem Tagesbudget dazu. Dein Training steckt schon im Aktivitätsfaktor, und die Uhr überschätzt eher. Wer die Sportkalorien zurückisst, frisst sein Defizit oft komplett auf.

Warum Kalorien zählen manchmal nicht funktioniert

Wenn du zählst und trotzdem nicht abnimmst, liegt es fast nie an einem kaputten Stoffwechsel, sondern an einem dieser Punkte:

  • Es fehlen Einträge: Getränke, Öl, Soßen, Probierhappen beim Kochen, Snacks im Büro.
  • Das Wochenende fehlt. Fünf saubere Tage mit je 500 kcal Defizit sind 2.500 kcal, ein Samstag mit Brunch, Kuchen und Abendessen kann davon die Hälfte zurückholen.
  • Roh und gekocht werden verwechselt, dazu gleich mehr.
  • Sportkalorien von der Uhr werden zurückgegessen.
  • Der Aktivitätsfaktor ist zu hoch angesetzt. Ein Bürojob mit zweimal Training pro Woche ist noch kein aktiver Alltag.
  • Die Beobachtungszeit ist zu kurz. Wasser kann den Fettverlust ein, zwei Wochen lang überdecken.

Wenn du sicher bist, dass deine Zahlen stimmen, und sich trotzdem seit Wochen nichts bewegt, lies unseren Artikel Abnehmen stagniert: Was tun beim Plateau? Dort gehen wir die Ursachen von Wassereinlagerung bis Stoffwechselanpassung der Reihe nach durch.

Ein letzter Grund ist weniger technisch: Hunger. Ein Protokoll sagt dir, wie viel du gegessen hast, aber nicht, ob es dich satt gemacht hat. Wer 1.600 kcal aus Brötchen, Riegeln und Saft zusammenzählt, hält das keine drei Wochen durch. Mit denselben 1.600 kcal aus Eiweiß, Gemüse und Hülsenfrüchten sieht das anders aus, wie du in unserem Artikel über sättigende Lebensmittel nachlesen kannst.

Kalorien zählen für Anfänger: so gehst du vor

Du brauchst drei Dinge: ein Ziel, eine Küchenwaage und eine App oder ein Notizbuch. Dann sind zwei Wochen ein guter Zeitraum, um zu lernen, was in deinem Essen steckt.

  1. Ziel festlegen: Rechne deinen Bedarf mit dem Kalorienbedarf-Rechner aus und lass dir vom Kaloriendefizit-Rechner zeigen, wie viel du zum Abnehmen essen kannst. Für die meisten sind das 300 bis 500 kcal unter dem Bedarf, nie dauerhaft unter dem Grundumsatz.
  2. Woche 1, nur beobachten: Iss wie immer, aber wieg alles ab und trag es direkt nach dem Essen ein. Nichts verändern, nichts beschönigen. Das ist deine ehrliche Ausgangslage.
  3. Wiegen dazu: Stell dich jeden Morgen nach dem Klo auf die Waage und schau am Ende der Woche auf den Durchschnitt.
  4. Woche 2, umsetzen: Such dir in deinem Protokoll die zwei, drei größten Posten, die dir wenig bringen, und tausch sie aus. Meist sind das Getränke, Öl, Käse, Gebäck oder Snacks.
  5. Eiweiß im Blick behalten: Die meisten Apps zeigen Makronährstoffe an. Peil 1,2 bis 1,6 g Eiweiß pro Kilo Körpergewicht an, deinen Wert zeigt der Proteinbedarf-Rechner.
  6. Lieblingsgerichte einmal anlegen: Wer sein Standardfrühstück und seine drei häufigsten Abendessen als Rezept speichert, spart danach täglich Minuten.

Eine digitale Küchenwaage bei Amazon* mit 1-g-Schritten und Tara-Funktion reicht völlig, du stellst die Schüssel drauf, drückst auf null und gibst die Zutaten nacheinander hinein. Messbecher und Esslöffel sind ungenauer, als sie aussehen, vor allem bei Müsli, Nüssen und Nussmus.

Roh oder gekocht wiegen?

Wieg Nudeln, Reis, Kartoffeln und Fleisch am besten roh und nimm den Rohwert aus der Datenbank. Gekocht nehmen Nudeln und Reis Wasser auf, beim Fleisch verdunstet welches, und wie viel, hängt von Kochzeit und Methode ab. Reis hat laut Bundeslebensmittelschlüssel roh 351 kcal pro 100 g, gekocht 117 kcal. Wer gekochten Reis abwiegt und den Rohwert einträgt, verzählt sich um das Dreifache, nur eben diesmal nach oben.

Wenn du für die Familie kochst, wieg die rohen Zutaten, dann den fertigen Topf, und rechne deinen Anteil aus. Das klingt umständlicher, als es ist, und nach dem dritten Mal weißt du, dass deine Portion Bolognese ungefähr 600 kcal hat.

Tipp: Wieg das Öl, bevor es in die Pfanne kommt. Ein Esslöffel hat rund 90 kcal, ein großzügiger Schuss aus der Flasche schnell das Doppelte. Wer nur diesen einen Posten ehrlich abwiegt, findet oft schon 100 bis 150 kcal am Tag.

Wie lange solltest du zählen?

Zwei bis vier Wochen sind für die meisten genug. Danach weißt du ungefähr, wie viel 80 g Nudeln auf dem Teller sind, wie viel Öl du wirklich nimmst und welche Lebensmittel sich lohnen. Viele zählen danach nur noch an einzelnen Tagen zur Kontrolle oder wenn das Gewicht seit drei, vier Wochen stagniert. Das ist ein guter Kompromiss zwischen Genauigkeit und Lebensqualität.

Welche App zum Kalorien zählen?

Wir nennen hier bewusst keinen Testsieger, weil wir die Apps nicht selbst geprüft haben und sich Funktionen und Abo-Kosten ständig ändern. Bekannte Apps im deutschsprachigen Raum sind etwa Yazio, FDDB, MyFitnessPal, Lifesum und Cronometer. Die beste ist die, die du jeden Tag benutzt. Achte bei der Auswahl auf diese Punkte:

  • Deutsche Produkte und Barcode-Scanner: Je mehr Artikel aus deinem Supermarkt drin sind, desto weniger musst du selbst anlegen.
  • Geprüfte Einträge: Manche Apps markieren Einträge, die aus Datenbanken oder vom Hersteller stammen. Bevorzuge diese vor Nutzereinträgen.
  • Eigene Rezepte: Ohne Rezeptfunktion wird jedes selbst gekochte Essen zur Rechenaufgabe.
  • Makronährstoffe: Mindestens Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate sollten angezeigt werden.
  • Kosten: Die Grundfunktionen sind oft kostenlos, Barcode, Makroziele oder Werbefreiheit kosten bei manchen ein Abo. Lies vor dem Probe-Abo, wann es sich verlängert.
  • Datenschutz: Ernährungs- und Gewichtsdaten sind Gesundheitsdaten. Schau in die Datenschutzerklärung, wo die Daten gespeichert werden und ob sie für Werbung genutzt werden.

Ein Notizbuch oder eine Tabelle funktioniert übrigens genauso. Die Nährwerte kannst du kostenlos auf naehrwertrechner.de nachschlagen, der auf dem Bundeslebensmittelschlüssel beruht. Wer nur zwei Wochen lernen will, braucht kein Abo.

Alternativen zum Kalorien zählen

Nicht jeder mag Zahlen, und das ist in Ordnung. Ein Defizit lässt sich auch über Struktur erreichen. Diese Methoden sind weniger genau, aber für viele leichter durchzuhalten.

Die Handmethode

Die Hand dient als Maßeinheit, die du immer dabeihast. Eine verbreitete Faustregel pro Hauptmahlzeit: eine Handfläche Eiweiß (Fleisch, Fisch, Tofu, Quark), eine Faust Gemüse oder mehr, eine gewölbte Hand Kohlenhydrate (Reis, Nudeln, Kartoffeln) und ein Daumen Fett (Öl, Butter, Nüsse). Männer nehmen oft je zwei Portionen Eiweiß und Gemüse. Feste Studien zu genau dieser Einteilung gibt es kaum, es ist eine Orientierung.

Wie gut Hände als Maß taugen, hat eine australische Studie mit 67 Erwachsenen geprüft, die 42 abgewogene Lebensmittel schätzen sollten. Mit einer Methode, bei der sie Fingerbreiten als Lineal nutzten, lagen 80 Prozent der Schätzungen für regelmäßig geformte Lebensmittel innerhalb von 25 Prozent des echten Gewichts. Mit Tassen und Löffeln waren es nur 29 Prozent. Hände sind also ungenau, aber besser als ihr Ruf.

Das Tellermodell

Die Hälfte des Tellers Gemüse oder Salat, ein Viertel Eiweiß, ein Viertel Kartoffeln, Vollkorn oder Hülsenfrüchte, dazu ein Teelöffel bis Esslöffel Öl. Das ist das Muster aus unserem Abnehmen-Ratgeber, und es funktioniert, weil Gemüse viel Platz auf dem Teller einnimmt und wenig Kalorien hat.

Ein Essfenster

Manchen fällt eine Uhrzeit-Regel leichter als jede Zahl. Beim Intervallfasten 16:8 isst du innerhalb von acht Stunden, und die Abendsnacks fallen weg. Das funktioniert so gut wie andere Methoden, wenn am Ende ein Defizit dabei herauskommt.

Foto-Protokoll

Ein Foto von jeder Mahlzeit, ohne Zahlen. Klingt banal, macht aber vieles sichtbar, was im Gedächtnis verschwindet. Für Menschen, die ein schriftliches Protokoll stresst, ist das ein guter Mittelweg.

Gut zu wissen: Die Methoden lassen sich kombinieren. Viele zählen zwei Wochen lang genau, um ein Gefühl für Mengen zu bekommen, und wechseln dann zur Handmethode. Wenn das Gewicht stagniert, wird für ein paar Tage wieder gewogen.

Für wen Kalorien zählen nichts ist

Für manche Menschen schadet Zählen mehr, als es nützt. In einer Befragung von 105 Menschen mit diagnostizierter Essstörung nutzten rund drei Viertel MyFitnessPal, und 73 Prozent dieser Nutzer hatten den Eindruck, dass die App ihre Essstörung verstärkte. Bei 493 Studierenden ging die Nutzung von Kalorien-Apps mit mehr Sorgen ums Essen und strengerem Diätverhalten einher. Ursache und Wirkung lassen sich aus solchen Befragungen nicht trennen, das Warnsignal ist trotzdem deutlich.

Auch wer keine Essstörung hat, kann das Zählen als Belastung erleben. In einem Experiment mit 121 Frauen steigerte allein das dreiwöchige Mitschreiben der Kalorien das empfundene Stressniveau, ohne dass sie weniger aßen. Was Stress und Cortisol mit dem Gewicht zu tun haben, steht in unserem Artikel Cortisol senken.

Achtung: Wenn du eine Essstörung hattest oder hast, wenn dich Zahlen zwanghaft beschäftigen oder du nach einem überschrittenen Tagesziel Schuldgefühle, Fressattacken oder Fasten erlebst, lass das Zählen sein und sprich mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder einer Beratungsstelle. Das gilt auch in der Schwangerschaft und bei chronischen Erkrankungen, wo der Bedarf ärztlich festgelegt werden sollte.

Unsere Empfehlung

Zähl zwei Wochen lang ehrlich und mit Waage, und betrachte es als Kurs, nicht als Strafe. Die erste Woche zeigt dir deinen Ist-Zustand, die zweite, wie leicht sich 300 bis 500 kcal einsparen lassen, wenn man weiß, wo sie stecken. Danach reicht vielen das Tellermodell oder die Handmethode, ergänzt durch den Blick auf den Wochenschnitt der Waage. Wenn du merkst, dass dich die Zahlen mehr stressen als helfen, ist das kein Versagen, sondern ein Grund, eine der Alternativen zu nehmen.

Und falls du dein Ziel erreicht hast: Auch beim Halten hilft es, gelegentlich wieder ein paar Tage zu protokollieren. Wie du das neue Gewicht hältst, steht in unserem Artikel Jo-Jo-Effekt vermeiden.

Häufige Fragen

Muss man Kalorien zählen, um abzunehmen?

Nein. Abnehmen braucht ein Kaloriendefizit, aber kein Protokoll. Viele erreichen das Defizit über das Tellermodell, die Handmethode, ein Essfenster oder einfach weniger Süßgetränke. Zählen ist nur die genaueste Art, das Defizit zu messen, und hilft vor allem am Anfang und bei Stillstand.

Wie viele Kalorien sollte ich am Tag essen, um abzunehmen?

Etwa 300 bis 500 kcal weniger als dein Bedarf, auf Dauer nie weniger als dein Grundumsatz. Für eine Frau mit 35 Jahren, 1,68 m und 65 kg im Bürojob liegt der Bedarf bei rund 1.980 kcal, das Abnehmziel also bei etwa 1.500 bis 1.700 kcal. Deinen eigenen Wert zeigt der Kaloriendefizit-Rechner.

Wie lange sollte man Kalorien zählen?

Zwei bis vier Wochen reichen, um ein Gefühl für Portionen und versteckte Kalorien zu bekommen. Danach genügt es vielen, an einzelnen Tagen zur Kontrolle zu zählen oder wieder anzufangen, wenn das Gewicht drei, vier Wochen lang stagniert.

Wiegt man Lebensmittel roh oder gekocht?

Am besten roh, und dann auch den Rohwert eintragen. Gekochter Reis hat pro 100 g nur etwa ein Drittel der Kalorien von rohem, weil er Wasser aufnimmt. Wichtig ist vor allem, dass Gewicht und Datenbankeintrag zusammenpassen.

Soll ich die Kalorien vom Sport dazurechnen?

Nein, wenn du deinen Bedarf mit einem Aktivitätsfaktor berechnet hast, steckt das Training dort schon drin. Fitnessuhren schätzen den Verbrauch außerdem ungenau, in einer Studie lag kein Gerät unter 20 Prozent Fehler. Wer die Sportkalorien zurückisst, verliert oft sein Defizit.

Warum nehme ich trotz Kalorienzählen nicht ab?

Meist fehlen Einträge, etwa Öl, Getränke oder das Wochenende, oder Portionen werden geschätzt statt gewogen. In einer bekannten Studie aßen Menschen, die nach eigenen Angaben trotz Diät nicht abnahmen, 47 Prozent mehr, als sie aufschrieben. Wieg eine Woche lang wirklich alles ab und vergleich die Wochenschnitte der Waage, bevor du am Defizit drehst.

Wir recherchieren jeden Artikel sorgfältig und belegen ihn mit Quellen. Er ersetzt aber keine persönliche Beratung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine Diätologin. Bei Beschwerden, Vorerkrankungen, in der Schwangerschaft oder wenn du Medikamente nimmst, sprich bitte vorher mit deiner Praxis. Mehr dazu: So arbeiten wir.

Quellen

  1. Lichtman SW et al. (1992): Discrepancy between self-reported and actual caloric intake and exercise in obese subjects. N Engl J Med 327:1893–1898
  2. Europäische Kommission (2012): Guidance document for competent authorities for the control of compliance with EU legislation with regard to the setting of tolerances for nutrient values declared on a label
  3. Urban LE et al. (2010): The accuracy of stated energy contents of reduced-energy, commercially prepared foods. J Am Diet Assoc 110:116–123
  4. Evenepoel C et al. (2020): Accuracy of Nutrient Calculations Using the Consumer-Focused Online App MyFitnessPal: Validation Study. J Med Internet Res 22:e18237
  5. Harvey J et al. (2019): Log Often, Lose More: Electronic Dietary Self-Monitoring for Weight Loss. Obesity 27:380–384
  6. Shcherbina A et al. (2017): Accuracy in Wrist-Worn, Sensor-Based Measurements of Heart Rate and Energy Expenditure in a Diverse Cohort. J Pers Med 7:3
  7. Gibson AA et al. (2016): Accuracy of hands v. household measures as portion size estimation aids. J Nutr Sci 5:e29
  8. Levinson CA, Fewell L, Brosof LC (2017): My Fitness Pal calorie tracker usage in the eating disorders. Eat Behav 27:14–16

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